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Internationale Wochenzeitung "Neue Solidarität" - Nr. 34 vom 23.08.2000, Seite 5, von der Bürgerrechtsbewegung neue Solidarität, Postfach 3366, 55023 Mainz, Bundesgeschäftsstelle Tel.: 06131-237385,
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MEDIZIN. Fachverbände in Deutschland fordern, daß Ritalin bei Kindern und Jugendlichen nur bei
einer genau definierten hyperkinetischen Störung und auch dann nur zusammen mit einer Verhaltenstherapie angewendet werden darf
Ritalin: Gabe nur in Ausnahmefällen
Kinder-
und Jugendpsychiater in Deutschland definieren die in den USA weitverbreitete "Attention Deficit Hyperactivity Disorder" (ADHD) als "Hyperkinetisches Syndrom" (HKS) oder hyperkinetische Störungen
im Kindesalter. Darunter werden Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörungen verstanden, fachlich bezeichnet als "unterschiedlich begründete, reifungsbedingte Besonderheiten zentral-nervöser
Informationsverarbeitung, die die Verhaltenssteuerung betreffen". Einfacher ausgedrückt, diese Störung hängt damit zusammen, daß sich der gesamte Organismus wie auch das Gehirn von Kindern noch in der
Entwicklung befinden.
Die Störung ist kein bleibender Defekt, sondern bedeutet lediglich, daß die Kinder Impulse und Motorik noch nicht richtig kontrollieren können. Die Folge ist, daß sie im Unterricht
dazwischenrufen oder unruhig sind - wie eben der berühmte Zappelphilipp.
Methylphenidat, die Wirksubstanz des Medikaments Ritalin, wirkt nur, wenn genau eine solche hyperkinetische Störung vorliegt, und darf
auch dann nur zusammen mit einer Verhaltenstherapie angewendet werden.
Ritalin fällt unter das Betäubungsmittelgesetz und ist eigentlich ein Anregungsmittel, hat aber bei richtiger Dosierung den Effekt, daß
die Kinder sich konzentrieren können und ihre Motorik unter Kontrolle haben. Damit können nach fachlicher Erfahrung in vielen Fällen die Voraussetzungen für eine wirksame Verhaltenstherapie geschaffen werden. Eine
alleinige Behandlung mit Ritalin kann keinerlei Verbesserungen bringen, wie der amerikanische Arzt Dr. Lawrence Diller bereits in den 60er Jahgezeigt hat.
Ritalin ist keineswegs ein Heilmittel, denn allein
damit ändert sich der Zustand des Patienten überhaupt nicht.
Die Feststellung einer hyperkinetischen Störung bedarf der genauen Diagnose und kann nicht, wie es in den USA an der Tagesordnung ist, von Laien
festgestellt werden. Denn die gleichen Svmptome wie bei dieser Störung treten auch bei verschiedenen anderen organischen oder psychischen Erkrankungen auf, z.B. beim fötalen Alkoholsyndrom, wenn die
Gehirnentwicklung bei Kindern von Alkoholikermüttern beeinträchtigt ist. Abzugrenzen sind auch ein Schädel-Hirn-Trauma oder Störungen der Intelligenzentwicklung bzw. Störungen des Aufbaus der Sprach-, Lese- und
Rechtschreibfähigkeit oder ganz einfach psychische Probleme z.B. infolge einer Scheidung der Eltern. Bei Kindern in den USA, die Ritalin erhielten, konnte nach einer Neubeurteilung mit einem Standardtest gezeigt
werden, daß 25% dieser Kinder nicht unter ADHD litten, sondern lediglich Lernschwächen hatten.
In den USA ist die große Verbreitung von Ritalin hauptsächlich eine Folge von Sparmaßnahmen und Profitinteressen.
Eine Ritalin-Behandlung ist für die gewinnorientierten Gesundheitsdienstleister, die HMOs, der billigste und daher der genehmste Weg. Die Behandlung kostet im Monat 30-60 Dollar. Eine kompetente Analyse und
Untersuchung eines Kindes dagegen kostet allein schon 1500 Dollar. Hinzu kommt, daß ebenfalls infolge von Sparmaßnahmen die Klassenstärken in den USA auf durchschnittlich 30-35 Kinder angestiegen sind, was die
Lehrer bei einem entsprechenden Anteil von hyperaktiven Kindern vor größte Probleme stellt. 1998 wurden 90% des gesamten Ritalins in den USA verbraucht. Nur Australien näherte sich beim Pro-Kopf-Verbrauch den USA
an, Kanada hatte ein Viertel des Pro-Kopf-Verbrauchs der USA, in Großbritannien wurde Ritalin nur als allerletztes Mittel eingesetzt, und in Schweden ist es sogar verboten. Dort geht man mit hyperaktiven Kinder wohl
am besten um: Sie werden in kleinen Gruppen von besonderen Lehrkräften unterrichtet.
Wie aus einer Stellungnahme der Fachverbände in Deutschland vom 6. August 2000 hervorgeht, setzen Ärzte zur Behandlung
hyperkinetischer Störungen auch hier Ritalin ein. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, der Berufsverband der Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in
Deutschland und die Bundesarbeitsgemeinschaft der leitenden Ärzte kinder- und jugendpsychiatrischer Kliniken und Abteilungen weisen im Interesse der betroffenen Kinder und Familien darauf hin, daß sowohl der
grundsätzliche Verzicht auf Methylphenidat (Ritalin) wie auch die Behandlung mit Methylphenidat ohne eine Therapie abzulehnen sind. Sie wenden sich vehement dagegen, daß einige Ärzte die Verordnungsregeln nicht
einhalten und das Medikament in zu hohen Dosen verabreichen. Eine Hochdosierung bringe keine Verbesserung der Wirkung, sondern häufig gefährliche Nebenwirkungen wie Appetits- und Gewichtsverlust sowie
Wahmehmungstörungen bis hin zu Psychosen.
Einen weiteren Hinweis darauf, daß Ritalin offensichtlich nicht das richtige Mittel zur Lösung der Probleme ist, liefert die Sammelklage, die zur Zeit gegen den
Ritalin-Hersteller Novartis anhängig ist. Der Pharmakonzern habe nicht nur die Nebenwirkungen des Medikaments mangelhaft beschrieben, sondern habe ein Krankheitsbild selbst erfunden, um das Medikament vertreiben zu
können.
Angelika Steinschulte
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