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Internationale Wochenzeitung "Neue Solidarität" - Nr. 34 vom 23.08.2000, Seite 4, von der Bürgerrechtsbewegung neue Solidarität, Postfach 3366, 55023 Mainz, Bundesgeschäftsstelle Tel.: 06131-237385, E-Mail: info@bueso.de, Internet: http://www.bueso.de, DM 2,50 pro Wochenblatt

Psychopharmaka sind der falsche Weg

LeAnna Washington ist Mitglied des Landtags von Pennsylvania aus Philadelphia.

Vielen Dank, daß ich heute über die Auswirkungen von Psychopharmaka auf die Kinder dieses Landes sprechen kann. Ich bin froh, daß bundesweit die Aufmerksamkeit auf die Vergabe von bewußtseinsverändernden Medikamenten an den verletzlichsten Teil unserer Bevölkerung, unsere Kinder, gerichtet ist.

1968, drei Jahre nach der Verabschiedung des Gesetzes über die Elementar- und weiterführenden Schulen in Amerika, wurde die Definition von "behindert" auf den Bereich "psychische Störungen" ausgedehnt, womit der Psychiatrie grünes Licht gegeben wurde, Kinder mit Medikamenten zu folgsamem Verhalten zu bringen. Eine neue Kategorie, ein neues Etikett für Kinder entstand: "Verhaltensstörungen in Kindheit und Jugend".

1975 wurde das Gesetz für Amerikaner mit Behinderungen verabschiedet, was die Einrichtung von Klassen zur "Sondererziehung" von Kindern mit Lembehinderungen beinhaltete. Innerhalb von zwei Jahren stieg die Zahl der Kinder, die als lernbehindert eingestuft wurden, auf mehr als 782 000.1989 lag diese Zahl bei 1,9 Mio. und 1996 bei 2,6 Millionen. Jetzt erklärte Kevin Dwyer, der stellvertretende Geschäftsführer der Nationalen Vereinigung der Schulpsychologen, daß die Art und Weise, wie "Lemstörungen" diagnostiziert werden, eigentlich "nicht wissenschaftlich" sei.

1987 wurde das Krankheitsbild Konzentrationsschwäche und Hyperaktivität (Attention Deficit Hyperactivity Disorder, ADHD) buchstäblich per Abstimmung durch die amerikanische Psychiatrievereinigung (American Psychiatric Association) geschaffen. Innerhalb eines Jahres wurde ADHD bei 500.000 Kindern in den Vereinigten Staaten diagnostiziert.

1990 wurden die Türen zu einem lukrativen Sozialhilfeprogramm für einkommensschwache EItern mit ADHD-diagnostizierten Kindern aufgestoßen. Damit konnte eine Familie mehr als 450 Dollar pro Monat für jedes Kind mit ADHD erhalten.

1989 machten Kinder mit ADHD 5% der Behinderten in den USA aus.

1995 stieg der Anteil auf 25%.

Ab 1991 wurden für jedes Kind weitere 400 Dollar an jährlichen Erziehungsbeihilfen an die Schulen gezahlt. Im gleichen Jahr erkannte das Kultusministerium ADHD als Behinderung an, bei der jedes betroffene Kind Anspruch auf Sonderleistungen hat.

1997 wurden 4,4 Mio. Kinder mit ADHD diagnostiziert.

1996 wurden 15 Mrd. Dollar für Diagnose, Behandlung und Forschungsuntersuchungen dieser sogenannten Störung ausgegeben.

Ritalin und ähnliche Medikamente werden schätzungsweise 6 bis 9 Mio. Kindern und Jugendlichen in den Vereinigten Staaten verschrieben. Das ist der Grund, warum die Ritalinproduktion seit 1990 um 700% gestiegen ist. Der Einsatz von Ritalin in den USA ist fünfmal so hoch wie der Ritalin-Verbrauch der gesamten übrigen Welt zusammengenommen.

Die Frage, ob diese Medikamente unseren Kindern helfen oder sie schädigen, ist Thema großer Auseinandersetzungen. Es wurde behauptet, daß die jüngsten Zwischenfälle von Gewalt an Schulen und andere Gewaltakte das Ergebnis davon sind, daß Kinder unnötigerweise mit solchen Medikamenten vollgepumpt werden.

Andere meinen, die Medikamente für diese Gewalttaten verantwortlich zu machen, sei eine Überreaktion, und die Medikamente seien sicher, wenn man sie richtig einsetzte. Laut dem Journal of the American Medical Association stieg die Zahl der Vorschulkinder, denen Antidepressiva verschrieben wurden, von 1991 bis 95 um 200%, während die Zahl der Kinder im Alter von 2 bis 4 Jahren, die Psychopharmaka bekamen, sich mehr als verdoppelte. Ich mache mir in dieser Frage seit langem große Sorgen. Als Afroamerikanerin, die einen vorwiegend afroamerikanischen Wahlbezirk in Philadelphia vertritt, erlebe ich, daß diese Medikamente unverhältnismäßig häufig an Kinder einer Minderheit verschrieben werden - das ist meine Meinung.

Während meiner Studien zu dieser Frage habe ich festgestellt, daß Medikamente wie Ritalin als bequemer "Ausweg" für Probleme angesehen werden, die oft nur arme, städtische Jugendliche betreffen. Meine Besorgnis veranlaßte mich, Workshops zu dieser Frage zu machen, die ich anderen Politikern und auch der nationalen Organisation der weiblichen Abgeordneten im vergangenen Sommer vorgestellt habe. Ich habe dazu auch eine Resolution bei der Konferenz des Nationalen Verbandes der schwarzen Abgeordneten eingebracht, die angenommen wurde.

Ich möchte andere darauf hinweisen, daß die Behandlung unserer Kinder mit chemischen Substanzen in dem Ümfang und der Art und Weise, wie wir es tun, zu Problemen in unserer Gesellschaft führen kann, deren Überwindung einen großen emotionalen und finanziellen Preis kosten könnte. Allzu häufig werden psychotrope Drogen an Kinder verschrieben, ohne zu versuchen, zunächst die zugrundeliegenden Faktoren zu verstehen, die zum Verhalten des betreffenden Kindes beigetragen haben können. Viele übersehene Faktoren, wie Streß im Elternhaus, eine veränderte Familiensituation oder die Art der Ernährung, können das Verhalten eines Kindes beeinflussen.

Die Frage, auf die Politiker und Gesundheitsbeamte eine Antwort finden müssen, ist, ob Ritalin und ähnliche Medikamente über-verordnet werden, um mit eigentlich normalen Fragen des Lebens zurechtzukommen, oder ob damit wirkliche Störungen behandelt werden.

Ich hin davon überzeugt, daß die meisten Verhaltensprobleme genauso mit anderen Methoden behandelt werden könnten, wie Ernährung und mehr familiäre und gesellschaftliche Unterstützung. In manchen Fällen können Geduld und Liebe ebenso wirksam sein wie die Medikation. Arzneimittel sollten das letzte Mittel sein, nicht der erste Schritt, um emotionalen und Verhaltensproblemen unserer Kinder zu begegnen. Zur Klärung dieser Fragen muß viel Arbeit geleistet werden.

Ich unterstütze Präsident Clinton, der sich dafür ausgesprochen hat, neue Herangehensweisen bei der Erforschung der Medikation von Kindern zu entwickeln. Wie Sie wissen, wird die medizinische Wirksamkeit gewöhnlicherweise nicht an Kindern getestet, aufgrund ethischer Bedenken, Kinder an klinischen Tests teilnehmen zu lassen. Obwohl diese Bedenken legitim sind, haben sie zu einem Mangel an Wissen darüber geführt, wie die bestmögliche medikamentöse Behandlung von Kindern aussehen muß. Es ist eigentlich unvorstellbar, daß wir
ihnen seit Jahren diese Medikamente verabreichen, ohne zu wissen, welche Langzeit-Nebenwirkungen sie haben können.

Zum Schluß erlauben Sie mir eine abschließende Bemerkung zu Ritalin: Ritalin ist ein verschreibungspflichtiges Medikament, das der strikten Kontrolle durch die Bundesregierung unterliegt. Es befindet sich in der gleichen Kategorie wie Kokain. Es gibt Anstrengungen, Ritalin herabzustufen. Das dürfen wir nicht zulassen.

Ich fürchte, die Lockerung von Kontrollen wird jungen Menschen leichteren Zugang zu einem Medikament geben, das bereits mißbraucht wird, um sich zu berauschen und das regelmäßig in den Colleges überall in Amerika von jungen Leuten genommen wird.

Schüler geben und verkaufen ihre Medikamente an Mitschüler, die sie zerreiben und das Pulver wie Kokain schnupfen. Im März 1995 gab es in Mississippi und Virginia zwei Todesfälle, die auf diese Art des Konsums zurückzuführen waren.

Vielen Dank für Ihr Interesse an dieser wichtigen Frage.
 

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