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anzeiger.net

Neue Pille macht auf Schulhöfen die Runde

08.Juni 2000

Von unserem Korrespondenten Robert von Rimscha

WASHINGTON. Auf amerikanischen Schulhöfen heißt es „Vitamin R“. Andere Teenager nennen es „R-Ball“ oder „the smart drug“. Gemeint ist stets dasselbe: eine zu Pulver zerstoßene Pille des Medikaments Ritalin. Der Preis pro Pille liegt zwischen einem und fünf Dollar. Amerikas Kids kaufen sie von denen, die für Ritalin ein Rezept haben. Manche schnupfen das Pulver, andere essen es. Die Folge ist die gleiche: „kurze, intensive Phasen von höchster Energie“, wie die Überwachungsbehörde Drug Enforcement Administration (DEA) warnt. Eigentlich ist Ritalin dazu da, dem zu begegnen, was man früher einen Zappelphilipp genannt hätte. Die DEA warnt vor dem Missbrauch von Ritalin, weil das Medikament zu einem Massenphänomen geworden ist. Verlässliche Zahlen gibt es kaum, da unbekannt ist, wieviele Eltern und Teenager sich Ritalin im Internet bestellen. Der Schwarzmarkt ist gewaltig. Klar ist jedoch, dass vor allem in leistungsbetonten Mittelklassegegenden in den Vorstädten bis zu 20 Prozent der Kinder ständig durch Ritalin-Einfluss ruhig gestellt sind. Offiziell hatten 1998, dem letzten Jahr mit vollständigen Zahlen, 2,4 Millionen US-Kinder Ritalin-Rezepte. Und dies beginnt im Vorschulalter. Bei kleinsten Konzentrationsstörungen rennen die Eltern los, um ihre Kleinen medikamentös besänftigen zu lassen. Der Leistungsdruck spielt eine entscheidende Rolle. Der Verdrängungswettbewerb für gute Highschools und dereinst gute Colleges beginnt im Kindergarten und hat in dem Maße zugenommen, wie die durchschnittliche Qualität des öffentlichen Bildungswesens sinkt. In Überdosen führt Ritalin zu Krämpfen und Infarkten. Die pharmakologische Betäubung von Amerikas Nachwuchs durch Ritalin ist ein Thema, das die Drogenproblematik längst überholt hat. Der Konsum von Kokain und Crack ist rückläufig. Heroin ist zwar wieder auf dem Vormarsch, aber kein Massenphänomen. Ritalin ist es. Und so machen sich inzwischen viele Gedanken über die gesellschaftlichen Langzeitwirkungen.

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